Länger als ein Viertel Jahrhundert (von Anfang der 60-iger bis Anfang der 90-iger) war Van Soghomonyan einer der von der Öffentlichkeit anerkannten führenden Künstler in der armenischen Keramik, der der armenischen Kultur in diesem Bereich außerhalb der Grenzen des ehemaligen Sowjetreichs Anerkennung brachte. Dennoch störte es ihn immer, wenn er allein im Rahmen der Keramik betrachtet wurde. Freilich, gehörte etwa das, was er tat, allein zur Keramik und nicht zur Bildhauerei? Schon damals war klar, dass die Kunst von Van den engen beruflichen Rahmen sprengte: er arbeitete also tatsächlich im Bereich der Bildhaue- rei, oft unter Verwendung von verschiedenen Farben. Im Rückblick auf die vergangenen Jahre kann man sagen, dass das seine Variante der "Malerei im Raum" war.
1992 jedoch, als sich der Künstler in Deutschland etablierte, brachte das Schicksal eine entscheidende Wendung. Vans Begabung in der Malerei, die im Grunde genommen Jahre lang in der Tiefe seines "Ichs" verborgen war, kam in voller Stärke zu Tage. Ton und Glasur traten in den Hintergrund und die Ölmalerei wurde zur schöpferischen Priorität, was seinen Ausdruck nicht nur in Gemälden, sondern auch in zahlreichen Art-Objekten fand. Dies war eine weitere Variante seiner eigenen "Malerei im Raum". Der Künstler spürte vollends die Freiheit des Selbstausdrucks und schaffte es, sich Farben und Pinsel zu unterwerfen, wie früher Ton und Schamotte. Er war nunmehr nicht einfach ein Maler, sondern ein "Künstler", was in Deutschland ein viel allgemeinerer und weit gefächerter Begriff ist und keine speziellen Zunftschranken kennt. Anders gesagt, beschäftigt er sich von diesem Zeitpunkt an damit, wonach sich seine Seele in diesem Augenblick sehnt. Und die Seele von Van trachtet nach vielem, aber stets insbesondere danach, was den gegenwärtigen Realien entspricht, wenn auch ein Ritterturnier oder ein sakrales Motiv Darstellungsgegenstand sind. Van arbeitet, nach eigenen Worten ohne ein schöpferisches System oder ein im Vorhinein durchdachtes langatmiges Programm. "Für mich stehen die momentane Stimmung und natürlich die Ereignisse, die Phänomene, die Tatsache, das gelesene Buch, die gesehene Vorführung, die gehörte Musik und andere "Auslöser" im Vordergrund, kurz, all das, womit ich lebe. Das ist der Grund, warum ich in der Kunst keine Dogmen kenne, geschweige denn eine kon-sequente Bearbeitung von Gefühlen und Gedanken. Das ist nicht für mich."
Aus all dem wird verständlich, warum die Malerei von Van Soghomonyan so temperament-voll, sinnlich und impulsiv ist. Er arbeitet ohne Vorskizzen, seine oft unerwarteten und flüchtigen Gedanken und Visionen schnell einzufangen strebend. Seine großen Leinwände wirken wie Wandabschnitte, wie Szenen aus irgendwelchen Fresken. Sie sind monumental, in ihnen gibt es keine kleinen illustrativen Einzelheiten: Sie werden sofort und sehr schnell aufgefasst, was ihre ausführliche Betrachtung natürlich nicht ausschließt. Und wenn der Betrachter Vans Bilder anschaut, geht er in die Tiefe, auf der Suche nach einem höheren Sinn.
Als Künstler folgt Van nicht der europäischen Mode und neuen Strömungen, aber gleich-zeitig strebt er nicht mit voller Kraft danach, das Armenische in seiner Kunst zu betonen. Spezielle nationale, oft angewendete Merkmale, beliebte Farben, Symbole und Zeichen gab es und gibt es in seiner Malerei und Bildhauerei nicht. Aber in seinen Werken ist stets etwas unwahrnehmbar Armenisches präsent, irgendeine verschlüsselte Denkweise oder Stimmung. Das einzige, was immer zu bemerken ist, ist die Kombination von körperlicher Kraft und Sinnlichkeit. In der Malerei von Van ist seine tiefe und interessierte Sorge um das Schicksal der Kunst und der Kultur im Allgemeinen klar ausgeprägt. Werke wie "Die Zerstörung des Turms von Babylon", "Venedig", "Babylon, 21. Jahrhundert", "Altar", "Vision" sind künstlerische Dramen, Manifeste für die Rettung menschlicher Grundwerte. Eine seiner besten Skulp-turen stellt ein menschenähnliches Wesen dar, das an eine Mensch-Maschine erinnert mit einem Zahnrad anstelle des Herzens und in den Kopf geschlagenen Nagel. Es wirkt so, als ob es ein Vertreter irgendeiner neuen Menschenspezies wäre, der für die Erdbewohner nicht ungefährlich ist. Das Werk ruft alarmierende Gedanken hervor. Nicht zu Unrecht.
Die Kunst von Van Soghomonyan ist die Kunst eines Malers und Philosophen, den globale Probleme beschäftigen. Der Künstler gibt natürlich keine Rezepte, er maßt es sich nicht an, die problemträchtigen Fragen zu lösen. Und welcher Künstler löst diese denn schon? Er greift sie bloß auf, aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, mit dem Gefühl der eigenen Überlegenheit, sondern durch Farben, klug und mutig. Die künstlerische Sprache von Van Soghomonyan ist lakonisch und leidenschaftlich, es ist nicht möglich, es nicht zu hören und nicht zu verstehen. Denn es ist die Sprache eines echten Künstlers und Bürgers.